Leseprobe

Werner Hüper

 

 

Vom Kreißsaal bis zm Alterssitz

 

 

Leseprobe

 

 

 

Im Kreißsaal

 

Im Kreißsaal geht das Ganze los,

der Säugling denkt, wo bin ich bloß?

Dies also ist das Licht der Welt?

So hab ich’s mir nicht vorgestellt.

 

Bisher war es feucht und warm,

nun bei dieser Frau im Arm,

frischer Luft und hellem Licht,

diese Welt gefällt mir nicht.

 

Bis ich hier gelandet bin

war ich ganz woanders drin.

Um zu wechseln diesen Ort

quält man mich in einem fort.

 

Nachdem ich die Tortur geschafft,

werd‘ ich von allen angegafft.

Mein erster Schrei ist laut zu hören,

doch scheint das niemanden zu stören.

 

Im Gegenteil, man ist wohl froh.

Bleibt das auch in Zukunft so?

Denn ich werde öfter brüllen

und damit ganze Häuser füllen.

 

Wer sind die Leute hier am Bett?

Dieser Besuch ist ja ganz nett,

nur der Zeitpunkt nicht der beste

für so viel unbekannte Gäste.

 

Es ist wohl Klinikpersonal,

das versammelt ist im Saal.

Doch wer ist dieser junge Mann,

der vor Glück kaum atmen kann?

 

Ich denk, es wird mein Vater sein,

und platze in sein Leben rein.

Ahnt er, was ich jetzt schon glaube,

dass ich bald den Schlaf ihm raube?

 

***

 

 

Auf dem Spielplatz

 

Der nahe Spielplatz ist das Ziel,

man kann erleben dort sehr viel.

Die Mütter warten auf der Bank,

unterdessen gibt es Zank.

 

Einer hat mit Sand geschmissen,

dann hat der andere gebissen,

noch ein Tritt in seinen Bauch,

jetzt streiten sich die Mütter auch.

 

„Mein Kind würde das nicht tun“,

gackert eine wie ein Huhn.

„Sie sollten mal ihr Kind erziehen!“

Inzwischen wird sehr laut geschrien.

 

Während die Mütter weiter geifern

und sich immer mehr ereifern,

spielen die Kinder ruhig weiter

und klettern auf die nächste Leiter.

 

***

 

 

 

Shoppen

 

Wenn Mann und Frau zum Shoppen gehen,

wird er die Frau wohl gut verstehen.

In die Abteilung mit Dessous

da folgt er ihr noch auf dem Fuß.

 

Doch wo schicke Kleider hängen,

muss sie ihn schon eher drängen.

Hat sie ein Gewand gefunden,

dauert es bestimmt noch Stunden.

 

Denn es ist doch völlig klar,

dass das nicht das Ende war.

Zum Kleid die Tasche muss noch her,

und die zu finden ist sehr schwer.

 

Er hat sich in Geduld geübt,

die Miene hat sich eingetrübt,

denn es kommt die nächste Masche:

sie braucht Schuhe für die Tasche.

 

Doch auch das ist nicht das Ende,

es fehlt Schmuck für ihre Hände.

Sie ist endlich runderneuert

als sie ihrem Mann beteuert:

 

Mein Liebling, du bist wunderbar,

von Anfang an war mir das klar.

Mit dir ich gern zum Shoppen starte,

auch lieb‘ ich deine Visakarte.

 

***

 

 

 

Krank im Wartezimmer

 

Im Leben wird man auch mal krank,

doch es gibt Ärzte, Gott sei Dank.

Andre trifft es oft noch schlimmer,

hör dich um im Wartezimmer.

 

Man wartet meistens nicht allein,

deshalb erfährt man fremde Pein.

Die Dame, die am Fenster sitzt

und selbst bei großer Kälte schwitzt.

 

Der Gärtner, er hat ständig Rücken,

denn er muss sich häufig bücken.

Die Oma mit den dicken Beinen,

vor Schmerzen muss sie immer weinen.

 

Daneben sitzt ein alter Mann,

der nicht mehr richtig hören kann.

Und Mutter, Kind, die ganze Sippe,

die leidet wohl grad unter Grippe.

 

Und du siehst jetzt wohl endlich ein,

dass dein beklagtes Zipperlein

nicht wirklich eine Krankheit ist

und du nur Hypochonder bist.

 

***

 

 

 

Kommunikation im Wandel

 

Einst setzte man sich ruhig hin

und formulierte, meist mit Sinn.

Das war, als man noch Briefe schrieb

und dabei meist auch höflich blieb.

 

Fehlerfrei zu formulieren,

damit konnte man sich zieren.

Heute ist das nicht mehr üblich,

und das finde ich betrüblich.

 

Man kontaktet elektronisch,

Rechtschreibschwäche ist schon chronisch.

Grammatik wird nicht mehr verlangt,

daran die Sprache heute krankt.

 

Bei Facebook, Twitter und dergleichen,

da kann man Freunde schnell erreichen.

Was sich schon lang nicht mehr geziemt,

sind Briefe, die längst ausgedient.

 

Und was die Werbung uns beschert,

ist doch das Honorar nicht wert.

Die Werbung zeigt uns beinah täglich,

dass Werbetexter oft sehr kläglich

unsre Sprache schlimm verbiegen,

nur um ein Honorar zu kriegen.

 

Der Konsument nimmt selten wahr,

dass alles eine Lüge war.

In der Sprache sie entgleisen,

wenn sie ein Produkt anpreisen.

 

Dabei sollten wir bedenken,

es wird uns niemand etwas schenken.

Es kostet doch am Ende nur

unsere deutsche Sprachkultur.

 

***